Wann braucht eine Familie mehr als nur eine Privatbank?
Eine gute Privatbank kann für Ordnung im Vermögen sorgen. Die Familie erhält regelmäßige Portfolioberichte, hat Zugang zu Anlagespezialisten, Depotdienstleistungen, Kreditangeboten und Devisendienstleistungen sowie einen Kundenbetreuer, der den Auftraggeber gut kennt. Für eine Familie mit überwiegend liquiden Vermögenswerten, einer einfachen Eigentümerstruktur und begrenztem grenzüberschreitendem Engagement mag das ausreichen.
Das Problem entsteht, wenn die Bank zwar hervorragend darin ist, das zu erkennen, was sie sieht, das tatsächliche Vermögen der Familie jedoch teilweise außerhalb ihres Blickfelds liegt.
Eine Schweizer Bank kann das börsennotierte Portfolio verwalten, einen Lombardkredit gewähren und Anlagemöglichkeiten auf dem Privatmarkt vermitteln. Sie kennt möglicherweise das Anlagerisikoprofil der Familie und erstellt sorgfältig ausgearbeitete Quartalsberichte. Dennoch hat sie möglicherweise keinen Einblick in das im Ausland ansässige operative Unternehmen, die über eine Familienstiftung gehaltene Immobilie, die von Anwälten verwahrten Treuhandurkunden, den Erben, der in einem anderen Land steuerlich ansässig geworden ist, die Stiftung, die derzeit mit Beratern besprochen wird, oder die Private-Equity-Beteiligungen, für die in den nächsten fünf Jahren Liquidität benötigt wird.
An diesem Punkt geht es nicht darum, ob die Bank kompetent ist. Sie mag durchaus sehr kompetent sein. Die Frage ist vielmehr, ob die Angelegenheiten der Familie mittlerweile so komplex geworden sind, dass eine einzige Bankbeziehung nicht mehr als „Betriebssystem“ der Familie fungieren kann.
Diese Frage ist in der Schweiz von besonderer Bedeutung. Das Land ist nach wie vor einer der weltweit führenden Standorte für grenzüberschreitende Vermögensverwaltung. Daten der Schweizerischen Bankiervereinigung zeigen, dass Banken in der Schweiz Ende 2024 Vermögenswerte in Höhe von 9,284 Billionen CHF verwalteten, wobei 4,225 Billionen CHF auf Kunden mit Wohnsitz im Ausland entfielen. Diese internationale Dimension ist Teil der Attraktivität der Schweiz. Sie bedeutet aber auch, dass viele Familien, die nach Zürich, Genf, Zug oder Lugano kommen, ein Leben mit mehreren Rechtsordnungen mitbringen: Wohnsitze, Unternehmen, Erben, Steuerpflichten und Berater, die über mehrere Länder verteilt sind.
Eine Privatbank kann eine zentrale Rolle in der Struktur spielen. Es sollte jedoch nicht automatisch davon ausgegangen werden, dass sie das gesamte System koordiniert.
Das eigentliche Signal ist die Komplexität, nicht allein der Reichtum
Familien stellen oft die falsche Frage: Wie viel Geld brauchen wir, bevor wir ein Family Office oder einen externen Berater benötigen? Es gibt zwar grobe Richtwerte auf dem Markt, doch diese sind weniger aussagekräftig, als Familien glauben. Eine Familie mit 200 Millionen CHF in einem liquiden diskretionären Mandat lässt sich möglicherweise leichter betreuen als eine Familie mit 60 Millionen CHF, die auf Privatunternehmen, Immobilien, Schulden, Kunst, Offshore-Strukturen, mehrere Erben und drei Steuersysteme verteilt sind.
Komplexität zeigt sich in kleinen Momenten. Niemand kann eine verlässliche Liste aller Bankkonten und juristischen Personen vorlegen. Die Familie kennt ihre tatsächlichen jährlichen Kosten nach Abzug von Gebühren, Steuern, Immobilienausgaben und Schuldendienst nicht. Eine Kapitalabrufaufforderung aus dem privaten Kapitalmarkt trifft zu einem ungünstigen Zeitpunkt ein. Zwei Berater geben technisch korrekte, aber miteinander unvereinbare Empfehlungen ab. Der Auftraggeber ist schließlich der Einzige, der versteht, warum bestimmte Vermögenswerte niemals verkauft werden sollten. Die Kinder beginnen, Fragen zu stellen, die das Berichtssystem nicht beantworten kann.
Wenn solche Situationen nicht mehr die Ausnahme, sondern zur Regel werden, benötigt die Familie möglicherweise mehr als nur eine Privatbank. Nicht, weil die Bank versagt hat, sondern weil die Familie den Schritt von der Vermögensverwaltung hin zur Vermögensarchitektur vollzogen hat.
In welchen Bereichen funktioniert die Privatbank in der Regel gut?
Eine Privatbank ist oft der richtige Ansprechpartner, wenn es sich bei den Vermögenswerten überwiegend um Finanzanlagen handelt, die Verwahrung zentralisiert ist, die Eigentumsverhältnisse überschaubar sind und der Hauptbedarf der Familie in der Vermögensverwaltung liegt.
Eine Familie mit einem Vermögen von 15 bis 40 Millionen Schweizer Franken in Form von börsennotierten Wertpapieren, Barmitteln, einer Hypothek und vielleicht ein oder zwei privaten Fonds ist möglicherweise bei einer oder zwei starken Banken gut aufgehoben, die bei Bedarf von Steuer- und Rechtsberatern unterstützt werden. Die Bank kann die Verwahrung, die Portfolioverwaltung, das Kreditgeschäft, den Zahlungsverkehr und das Berichtswesen übernehmen. Der Kundenbetreuer kann die Spezialisten innerhalb des Instituts koordinieren und der Familie dabei helfen, Zugang zu Kreditangeboten, strukturierten Lösungen, Verwaltungsmandaten und Anlageanalysen zu erhalten.
Dieses Modell kann effizient sein. Es verhindert eine übermäßige Komplexität. Es sorgt für klare Zuständigkeiten. Außerdem vermeidet es die Kosten für die Einstellung von Personal oder die Beauftragung zusätzlicher Berater, die möglicherweise Dienstleistungen doppelt erbringen, die die Bank bereits anbietet.
Die Familie sollte dennoch kritische Fragen zu Gebühren, Produktauswahl, Interessenkonflikten, Berichterstattung, Geldmarktzinsen, Devisenspreads und der Vergütung des Kundenbetreuers stellen. Ist das Vermögen der Familie jedoch relativ überschaubar, bringt die Einbindung eines Multi-Family-Offices oder eines externen Vermögensverwalters möglicherweise keinen ausreichenden Mehrwert, um diese zusätzliche Ebene zu rechtfertigen.
Schwierigkeiten entstehen, wenn die Familie von der Privatbank erwartet, dass sie Aufgaben übernimmt, die außerhalb ihres eigentlichen Aufgabenbereichs liegen.
Der erste Knackpunkt: Niemand hat den Überblick über die gesamte Bilanz
Ein Bankbericht gibt in der Regel Aufschluss über die bei dieser Bank gehaltenen Vermögenswerte. Nicht enthalten sind möglicherweise Vermögenswerte, die bei einer anderen Bank gehalten werden, direkt gehaltene Unternehmen, Immobilien, Kunstwerke, Darlehen an Verwandte, Gesellschaftervereinbarungen, Versicherungspolicen oder nicht finanzierte Verpflichtungen auf dem privaten Markt. Selbst wenn Banken Tools zur Zusammenfassung der Daten anbieten, hängt die Qualität davon ab, ob Zugang zu den Daten besteht, wie diese klassifiziert werden und inwieweit die Familie bereit ist, alle Informationen offenzulegen.
Ein Anbieter von konsolidierten Berichten ist dann von Nutzen, wenn die Familie einen zuverlässigen Überblick über alle Institute und Anlageklassen benötigt. Dabei geht es nicht nur um die Berichterstattung über die Wertentwicklung, sondern auch um die Kontrolle.
Ein Familienvermögensverwalter könnte der Ansicht sein, dass das Portfolio mäßig diversifiziert ist, während eine konsolidierte Betrachtung zeigt, dass wiederholt Engagements in dasselbe Technologieunternehmen bestehen – und zwar über direkte Aktien, Indexfonds, Private-Equity-Fonds und eine Venture-Capital-Beteiligung. Eine andere Familie mag glauben, über reichlich Liquidität zu verfügen, während der Berichterstatter aufzeigt, dass die meisten liquiden Mittel verpfändet, steuerlich gebunden oder für Kapitalabrufe vorgesehen sind.
Eine konsolidierte Berichterstattung ist besonders für ausländische Familien von großem Wert, die sich in der Schweiz niederlassen. Eine neu eröffnete Bankverbindung in der Schweiz mag zwar den Service und die Stabilität verbessern, übernimmt jedoch nicht automatisch die Historie von Konten, Unternehmen und Immobilien an anderen Orten. Ohne eine ordnungsgemäße Vermögensübersicht wird die Schweiz zu einer weiteren Ebene statt zu einem Zentrum der Vereinfachung.
Der Funktionstest ist einfach: Kann die Familie innerhalb weniger Tage einen vollständigen und aktuellen Überblick über Vermögenswerte, Verbindlichkeiten, Eigentumsverhältnisse, Liquidität und künftige Verpflichtungen vorlegen? Falls nicht, könnte die konsolidierte Berichterstattung das erste fehlende Puzzlestück sein.
Der zweite Wendepunkt: Anlageberatung braucht Unabhängigkeit
Eine Privatbank kann eine gute Anlageberatung bieten. Sie kann zudem sowohl als Berater als auch als Produktvermittler fungieren. Das macht die Beratung zwar nicht unangemessen, doch sollten Familien die dahinterstehende geschäftliche Struktur verstehen.
Ein externer Vermögensverwalter kann sinnvoll sein, wenn die Familie die Anlageverwaltung von der Verwahrung trennen möchte. In der Schweiz unterliegen externe Vermögensverwalter und Portfoliomanager einem regulierten Rahmen. Die FINMA erteilt Portfoliomanagern und Treuhändern, die die gesetzlichen Anforderungen erfüllen, eine Zulassung und führt öffentliche Register der zugelassenen Institute. Dies bietet Familien einen formellen Ausgangspunkt für die Due-Diligence-Prüfung, wobei die Zulassung jedoch keinesfalls mit einer Garantie für die Qualität der Anlage verwechselt werden sollte.
Der externe Vermögensverwalter kann Portfolios verwalten, die bei mehreren Banken gehalten werden, Verwahrbedingungen vergleichen, Gebühren aushandeln, Produktangebote prüfen und für Kontinuität sorgen, falls die Familie ihre Bankbeziehungen ändert. Für eine Familie mit mehr als einer Depotbank kann dies von großem Wert sein. Der Berater steht auf der Seite der Familie und nicht innerhalb einer bestimmten Institution.
Dieses Modell ist nicht automatisch überlegen. Manche externen Vermögensverwalter sind klein, vom Gründer abhängig oder verfügen nur über begrenzte Fachkenntnisse in bestimmten Anlageklassen. Manche erhalten Rückvergütungen oder bevorzugen bestimmte Produkte. Manche sind stark im Management liquider Portfolios, schwächen jedoch bei privaten Vermögenswerten, der steuerlichen Koordination oder der Familienführung.
Eine Familie sollte sich daher fragen: Bietet der externe Vermögensverwalter eine wirklich offene Architektur oder lediglich einen weiteren Kanal zur Produktauswahl? Kann er bankübergreifende Berichte erstellen? Kann er ein Angebot einer Privatbank hinterfragen? Versteht er die gesamte Bilanz der Familie oder nur das Mandat für liquide Mittel? Was passiert, wenn der Gründer ausscheidet, das Unternehmen verkauft oder nicht mehr zur Verfügung steht?
Der richtige externe Vermögensverwalter kann Konflikte verringern und die Aufsicht verbessern. Der falsche bedeutet nur einen weiteren Berater, den es zu betreuen gilt.
Der dritte Wendepunkt: Steuerlicher Wohnsitz und Eigentumsverhältnisse werden mobil
Eine Privatbank kann einen Steuerberater nicht ersetzen. Das klingt zwar selbstverständlich, doch Familien neigen oft dazu, diese Unterscheidung zu verwischen, wenn ihr Kundenbetreuer versiert, mehrsprachig und an internationale Kunden gewöhnt ist.
Steuerberatung wird unverzichtbar, wenn Wohnsitz, Eigentumsverhältnisse und Erbfolge grenzüberschreitend sind. Die Schweiz beteiligt sich am automatischen Austausch von Informationen über Finanzkonten und unterhält AEOI-Beziehungen zu einem breiten Netzwerk von Partnerländern. Schweizer Banken arbeiten seit 2017 im Rahmen des AEOI. Für international mobile Familien ist Transparenz keine Ausnahme, die es zu umgehen gilt, sondern Teil des operativen Umfelds.
Nehmen wir den Fall einer Familie, die vom Vereinigten Königreich in die Schweiz umzieht, dabei aber eine Immobilie im Vereinigten Königreich, eine nicht-schweizerische Gesellschaft sowie Kinder mit Wohnsitz im Ausland behält. Die Privatbank kann die Schweizer Vermögensverwaltungs- und Anlagedienstleistungen erläutern. Es sollte jedoch nicht erwartet werden, dass sie die gesamten steuerlichen Auswirkungen in Bezug auf Wohnsitz, Überweisungen, Gesellschaftsbesitz, Nachlassplanung, die Behandlung von Trusts, Wegzugssteuern oder künftige Schenkungen ermittelt.
Steuerberatung ist auch dann erforderlich, wenn Familienmitglieder in verschiedenen Ländern leben. Eine Ausschüttung, ein Darlehen, eine Schenkung oder eine Unternehmensdividende kann für die eine Person steuerlich vorteilhaft sein, für eine andere hingegen problematisch. Wenn ein Zweig der Familie seinen Wohnsitz in den Vereinigten Staaten, Frankreich, Italien oder Deutschland nimmt, gelten die für den Hauptzweig getroffenen Annahmen möglicherweise nicht mehr für die nächste Generation.
Die Familie sollte für jeden Rechtsraum Steuerberater beauftragen und anschließend eine Person benennen, die deren Zusammenarbeit koordiniert. Ohne Koordination kann es vorkommen, dass jeder Berater vor Ort zwar Recht hat, die Familie insgesamt jedoch im Unrecht ist.
Der vierte Wendepunkt: Strukturen benötigen treuhänderisches Fachwissen
Über Trusts, Stiftungen, Holdinggesellschaften und familiäre Anlagevehikel wird oft so gesprochen, als seien sie elegante Lösungen. Das können sie durchaus sein. Sie können aber auch zu schwer nachvollziehbaren Konstrukten werden, die künftige Generationen erben, ohne zu wissen, warum sie überhaupt existieren.
Ein Treuhandspezialist spielt dann eine wichtige Rolle, wenn Vermögenswerte über Strukturen gehalten werden, die Verwaltung, Governance, Buchführung und die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften erfordern. Dabei geht es nicht nur um die anfängliche Einrichtung, sondern auch darum, ob die Struktur den Zielen der Familie auch langfristig weiterhin gerecht wird.
Ein Trust kann beispielsweise Treuhänder, Schutzbeauftragte, Begünstigte, Wunscherklärungen, Ausschüttungsrichtlinien und Berichtspflichten umfassen. Eine Stiftung benötigt möglicherweise Vorstandsmitglieder, einen festgelegten Zweck und eine ordnungsgemäße Verwaltung. Eine Holdinggesellschaft benötigt möglicherweise Buchhaltung, Steuererklärungen, Beschlüsse des Vorstands und Unterlagen zu Darlehen oder Ausschüttungen.
Eine Privatbank kann zwar ein Konto verwalten, das zu einer dieser Strukturen gehört, ist jedoch nicht zwangsläufig für die Verwaltung der Struktur selbst zuständig. Die Bank weiß möglicherweise, dass ein Unternehmen der Kontoinhaber ist, ist jedoch nicht dafür verantwortlich, ob die Unternehmensführung des Unternehmens den aktuellen Vorschriften entspricht, ob die Beschlüsse durch Protokolle des Vorstands belegt sind oder ob die Angaben zu den Begünstigten ordnungsgemäß gepflegt werden.
Ausländische Familien in der Schweiz sollten hier besonders vorsichtig sein. Eine vor der Einreise geschaffene Struktur mag unter früheren Wohnsitz-, Familien- oder Steuerbedingungen geeignet gewesen sein. Nach einem Umzug, Nachfolgeänderungen oder rechtlichen Entwicklungen muss dieselbe Struktur möglicherweise überprüft werden.
Der Wert eines Treuhandspezialisten liegt nicht im Glanz und Glamour. Es ist die administrative Integrität. Ordnungsgemäße Protokolle, aktuelle Register, dokumentierte Entscheidungen und transparente Geldflüsse sind es, die Strukturen rechtlich absicherbar machen.
Der fünfte Wendepunkt: Die Familie wird zu einem Problem der Unternehmensführung
Nicht jede Komplexität ist finanzieller Natur. Ein Teil davon ist menschlicher Natur.
Eine Privatbank mag das Portfolio zwar gut verwalten, ist aber möglicherweise nicht in der Lage, tiefgreifendere familiäre Fragen zu klären. Wer darf im Namen der Familie sprechen? Welche Erben erhalten Informationen? Sollten Kinder im Anlageausschuss sitzen? Ist das Familienunternehmen vom liquiden Vermögen der Familie getrennt? Was passiert, wenn ein Kind im Unternehmen arbeitet und ein anderes nicht? Welches Ausgabenniveau ist akzeptabel? Wer genehmigt philanthropische Aktivitäten?
Ein Multi-Family-Office oder Berater für Familienführung kann sich als nützlich erweisen, wenn die Familie nicht nur Produkte, sondern auch Prozesse benötigt. Dazu können Familientreffen, die Ausbildung der nächsten Generation, Entscheidungsprotokolle, Anlagegrundsätze, Gesellschaftervereinbarungen, Mechanismen zur Konfliktlösung und die Vorbereitung der Nachfolge gehören.
Die wichtigste Arbeit im Bereich der Unternehmensführung findet oft bereits vor einer Krise statt. Ein Gründer, der die volle Kontrolle behält, sieht möglicherweise keine Notwendigkeit, Entscheidungsbefugnisse festzuschreiben. Die Notwendigkeit wird erst nach Krankheit, Tod, Scheidung oder Konflikten offensichtlich. Zu diesem Zeitpunkt verhandelt die Familie möglicherweise bereits unter Stress.
Ein gutes Multi-Family-Office kann dabei helfen, private Absichten in praktikable Abläufe umzusetzen. Es kann Tagesordnungen erstellen, Berater koordinieren, Unterlagen führen, Erben schulen und sicherstellen, dass Entscheidungen nicht ausschließlich vom Gedächtnis einer einzelnen Person abhängen.
Die Familie sollte dennoch Vorsicht walten lassen. Beratung in Governance-Fragen kann vage und kostspielig werden, wenn sie nicht an konkrete Ergebnisse geknüpft ist. Ein kompetenter Berater sollte der Familie dabei helfen, festzulegen, wer entscheidet, wer informiert wird, was dokumentiert wird und wann Entscheidungen überprüft werden.
Der sechste Knackpunkt: Private Märkte und Direktgeschäfte erhöhen den operativen Aufwand
Eine Privatbank kann Zugang zu Private Equity, privaten Krediten, Infrastrukturinvestitionen, Hedgefonds oder Co-Investments bieten. Diese Anlagemöglichkeiten können attraktiv sein, bedeuten aber auch einen höheren Verwaltungsaufwand.
Anlagen auf dem privaten Markt erfordern die Überwachung von Beteiligungsverpflichtungen, Kapitalabrufen, Ausschüttungen, Bewertungsstichtagen, Nebenvereinbarungen, Steuerunterlagen, Liquiditätsbeschränkungen und der Kommunikation mit den Fondsmanagern. Direkte Transaktionen erhöhen die Komplexität noch weiter: Gesellschafterrechte, Informationen des Vorstands, Folgefinanzierungen, Ausstiegsbedingungen, Konflikte und Konzentrationsrisiken.
Eine Familie mag glauben, dass sie eine Handvoll attraktiver Anlagen tätigt. Fünf Jahre später verfügt sie über Dutzende von Kapitalkonten, PDF-Berichten, Steuerformularen und Cashflow-Verpflichtungen, die sich auf mehrere Vermögensverwalter verteilen. Die Bank meldet zwar möglicherweise einige Positionen, jedoch nicht immer mit der für die Liquiditätsplanung oder die Analyse des Gesamtrisikos erforderlichen Detailgenauigkeit.
Zu diesem Zeitpunkt benötigt die Familie möglicherweise einen Spezialisten für Anlage- und Betriebsabläufe, einen Anbieter für konsolidierte Berichterstattung oder ein Multi-Family-Office mit Kompetenzen im Bereich privater Vermögenswerte. Dabei geht es nicht nur um die Wertentwicklung. Entscheidend ist vielmehr, ob die Familie weiß, zu welchen Verpflichtungen sie sich gebunden hat, wann Mittel benötigt werden könnten, wie die Bewertungen ermittelt werden und welche Anlagen wirtschaftlich miteinander verknüpft sind.
An dieser Stelle stellen viele Familien fest, dass der Verwaltungsaufwand auf den privaten Märkten kein nebensächliches Backoffice-Problem ist. Er wirkt sich auf Liquidität, Risiko und Entscheidungsfindung aus.
Der siebte Wendepunkt: Das Risiko geht über das Portfolio hinaus
Banken sind es gewohnt, über Anlagerisiken zu sprechen. Auch Familien sind mit operativen Risiken, Cyberrisiken, Reputationsrisiken, rechtlichen Risiken, Risiken für die persönliche Sicherheit sowie Risiken im Zusammenhang mit Schlüsselpersonen konfrontiert.
Der Risikomonitor 2025 der FINMA hat wachsende Cyber- und technologische Risiken im Schweizer Finanzsektor identifiziert und strengere Kontrollen bei kritischen Outsourcing-Maßnahmen gefordert. Vermögende Familien sollten dies nicht nur als institutionelle Warnung, sondern auch als praktische Mahnung verstehen. Sie sind auf Banken, Cloud-Systeme, externe Vermögensverwalter, Rechtsanwälte, Treuhänder, Berichtsplattformen, Wirtschaftsprüfer und Mitarbeiter angewiesen. Jede Beziehung zu einem Dienstleister birgt Daten- und operationelle Risiken.
Wer kann Zahlungen genehmigen? Wie werden Änderungen an Bankanweisungen überprüft? Wo werden Reisepässe, Testamente, Versicherungspolicen, Treuhandurkunden und Eigentumsurkunden aufbewahrt? Was passiert, wenn ein Familienmitglied einen Deepfake-Anruf erhält, in dem eine Überweisung verlangt wird? Wer hat Zugriff auf sensible Informationen über Begünstigte oder Wohnorte?
Eine Privatbank mag zwar über strenge interne Sicherheitsvorkehrungen verfügen, doch das gesamte Umfeld der Familie tut dies möglicherweise nicht. Ein Family Office, ein Multi-Family-Office oder ein spezialisierter Berater kann dabei helfen, Kontrollmechanismen für alle Dienstleister zu konzipieren: doppelte Genehmigungen, verifizierte Rückrufe, Protokolle zur Dokumentensicherheit, Zugriffsrechte, Schulungen zur Cybersicherheit, Due-Diligence-Prüfungen von Anbietern und Pläne zur Reaktion auf Vorfälle.
Die Familie sollte nicht warten, bis Betrug oder ein Datenleck dieses Gespräch erzwingen.
Wie die verschiedenen Anbieter zusammenpassen
Die Familie muss sich nicht zwischen einer Privatbank und allen anderen Beratern entscheiden. Die bessere Frage ist, welche Rolle der jeweilige Anbieter übernehmen sollte.
Die Privatbank kann weiterhin als Hauptverwahrstelle, Kreditgeber und Anbieter von Anlagedienstleistungen fungieren. Ein externer Vermögensverwalter kann Portfolios bei mehreren Verwahrstellen verwalten und die Produktauswahl hinterfragen. Ein Steuerberater kann in Fragen des Wohnsitzes, der Meldepflichten, der Strukturen und der Nachfolge beraten. Ein Treuhandspezialist kann Trusts, Stiftungen oder Gesellschaften verwalten. Ein Anbieter von konsolidierter Berichterstattung kann der Familie einen vollständigen Überblick über Vermögenswerte und Verbindlichkeiten verschaffen. Ein Multi-Family-Office kann die gesamte Struktur koordinieren und die laufende Verwaltung übernehmen.
Die Gefahr besteht darin, sie alle zu ernennen, ohne die Zuständigkeiten festzulegen. Mehr Berater bedeuten nicht automatisch eine bessere Unternehmensführung. Sie können zu Doppelarbeit, höheren Honoraren und Verwirrung führen, wenn niemand die Befugnis hat, die Arbeit zu koordinieren.
Eine sinnvolle Struktur sieht vor, dass eine Partei die Verantwortung für das Gesamtbild übernimmt. Das kann ein interner Family-Office-Manager sein, ein vertrauenswürdiges Multi-Family-Office, ein unabhängiger Berater oder ein finanziell versiertes Familienmitglied, das von Fachleuten unterstützt wird. Jemand muss die Vermögensübersicht, die Beraterliste, den Berichtsplan, die Entscheidungsbefugnisse und das Protokoll über offene Fragen pflegen.
Ohne diese Funktion baut die Familie keine Widerstandsfähigkeit auf. Sie sammelt lediglich Fachwissen.
Ein praktischer Entscheidungsrahmen
Eine Familie benötigt wahrscheinlich mehr als nur eine Privatbank, wenn mindestens einige der folgenden Bedingungen zutreffen.
Die Familie verfügt über Vermögenswerte bei mehreren Banken und hat keinen Überblick über das gesamte Engagement. Die Eigentumsverhältnisse sind über Unternehmen, Trusts, Stiftungen oder andere Strukturen verteilt. Die Familienmitglieder leben in unterschiedlichen Steuerhoheitsgebieten. Die Engagements am Privatmarkt sind erheblich. Die Familie besitzt operative Unternehmen oder Direktbeteiligungen. Es gibt mehrere erwachsene Erben mit unterschiedlichen Rollen und Erwartungen. Der Familienoberhaupt ist die einzige Person, die die gesamte Struktur versteht. Die Berichterstattung erfolgt langsam, uneinheitlich oder unvollständig. Die Berater stimmen sich nicht regelmäßig ab. Die Genehmigung von Zahlungen und der Zugriff auf Dokumente erfolgen informell. Die Nachfolge wird besprochen, aber nicht dokumentiert.
Ein oder zwei dieser Probleme lassen sich möglicherweise durch einen verbesserten Bankservice und eine bessere externe Beratung bewältigen. Treten mehrere davon gleichzeitig auf, rechtfertigt dies in der Regel ein formelleres Betriebsmodell.
Der erste Schritt sollte nicht darin bestehen, ein großes Family Office aufzubauen. Vielmehr sollte zunächst die fehlende Funktion definiert werden. Geht es um Anlageunabhängigkeit, steuerliche Koordination, treuhänderische Verwaltung, konsolidierte Berichterstattung, Governance, Cybersicherheitsmaßnahmen oder die tägliche Verwaltung? Sobald das Problem benannt ist, kann die Familie den Anbieter auswählen.
So sieht es gut aus
Eine gut durchdachte Struktur macht die Privatbank nicht überflüssig. Sie ermöglicht es der Bank, das zu tun, was sie am besten kann, und sorgt gleichzeitig dafür, dass die gesamten Angelegenheiten der Familie koordiniert werden.
Die Familie erhält einen umfassenden Überblick über Vermögenswerte, Verbindlichkeiten, Liquidität und Eigentumsverhältnisse. Steuerberater werden vor Transaktionen und nicht erst im Nachhinein hinzugezogen. Die Strukturen werden ordnungsgemäß verwaltet. Engagements auf dem Privatmarkt werden überwacht. Die Erben erhalten angemessene Informationen und werden entsprechend geschult. Zahlungskontrollen werden dokumentiert. Die Berater wissen, wer ihnen Anweisungen erteilen darf. Der Auftraggeber ist nicht mehr die einzige Quelle des institutionellen Gedächtnisses.
Für ausländische Familien, die in die Schweiz kommen, ist dies der eigentliche Test auf Raffinesse. Es geht nicht einfach nur darum, ein Schweizer Bankkonto, einen Schweizer Berater oder eine Schweizer Adresse zu haben. Es geht darum, eine Struktur aufzubauen, in der Schweizer Fachwissen mit der internationalen Realität der Familie verzahnt wird.
Eine Privatbank kann eine tragende Säule sein. Von ihr sollte nicht erwartet werden, dass sie die gesamte Architektur allein trägt.
Sobald eine Familie nicht mehr den Überblick über ihr gesamtes Vermögen hat, ihre Berater nicht mehr aufeinander abstimmen kann oder nicht mehr darlegen kann, wie Entscheidungen ohne den Gründer weitergeführt würden, hat sie den Rahmen des gewöhnlichen Private Banking überschritten. Die Lösung könnte ein Multi-Family-Office, ein externer Vermögensverwalter, ein Steuerberater, ein Treuhandspezialist, ein Anbieter von konsolidierten Berichten oder eine Kombination aus diesen sein.
Die wichtige Entscheidung besteht nicht darin, Komplexität nur um des Prestiges willen zu schaffen. Vielmehr geht es darum, die richtige Kontrollebene einzuführen, bevor unkontrollierte Komplexität zum größten Risiko für die Familie wird.


