Einzelbüros für Familien

Der Aufstieg nachhaltiger Anlagen in Single-Family-Offices

Foto von Danist Soh (@danist07) auf Unsplash

Für Single-Family-Offices ist nachhaltiges Investieren längst kein Randthema mehr. Es steht mittlerweile im Mittelpunkt der Diskussionen über Risiko, Vermächtnis und Kontrolle.

Der Wandel lässt sich nicht einfach darauf reduzieren, dass “Familien umweltbewusster werden”. Einige lassen sich durch Klimarisiken motivieren, andere durch gesetzliche Vorschriften, Reputationsrisiken, den Druck der nächsten Generation oder die Suche nach langfristigen Anlagethemen. Viele sind nach wie vor zurückhaltend, insbesondere nach jahrelangen Bedenken hinsichtlich „Greenwashing“ und uneinheitlicher ESG-Ergebnisse.

Dennoch ist die Richtung klar. Immer mehr Familien fragen sich, ob ihr Vermögen mit der Welt im Einklang steht, die die nächste Generation ihrer Meinung nach erben wird.

Eine andere Art von Kapital

Einzel-Family-Offices sind ungewöhnliche Investoren. Sie sind nicht in gleicher Weise wie Vermögensverwalter von vierteljährlichen Mittelzuflüssen abhängig. Sie können Vermögenswerte über Jahrzehnte hinweg halten, direkt investieren und definieren Erfolg nicht nur anhand der jährlichen Wertentwicklung.

Das macht sie zu idealen Kandidaten für nachhaltiges Investieren. Ein Family Office kann in erneuerbare Energien, Klimatechnologie, nachhaltige Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Bildung oder soziale Infrastruktur investieren und dabei einen längeren Zeithorizont verfolgen als viele institutionelle Anleger.

Doch Geduld allein reicht nicht aus. Nachhaltiges Investieren erfordert nach wie vor Disziplin. Eine schwache Anlage wird nicht dadurch zu einer starken, dass sie ein ESG-Label trägt. Ein Klimafonds kann überteuert sein. Ein Impact-Projekt kann enttäuschen. Ein Unternehmen mit einer ausgefeilten Nachhaltigkeitsberichterstattung kann dennoch Governance-Risiken bergen.

Seriöse Family Offices haben das verstanden. Sie geben ihre finanzielle Disziplin nicht auf. Sie erweitern lediglich den Begriff des Risikos.

Von der Philanthropie zur Portfoliostrategie

Für viele Familien kam das Thema Nachhaltigkeit erstmals durch philanthropisches Engagement ins Gespräch. Stiftungen förderten Bildung, Gesundheit, Naturschutz oder Armutsbekämpfung, während das Anlageportfolio davon getrennt blieb.

Diese Trennung lässt sich immer schwerer aufrechterhalten. Jüngere Familienmitglieder fragen oft, warum die Familie Geld verschenken soll, um Probleme zu lösen, während sie gleichzeitig in Unternehmen investiert, die möglicherweise zu eben diesen Problemen beitragen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Philanthropie, ESG und Impact Investing in einer einzigen Kategorie zusammengefasst werden sollten. Es handelt sich um unterschiedliche Instrumente.

Philanthropie verfolgt soziale oder ökologische Ziele, ohne eine finanzielle Rendite zu erwarten. Bei der ESG-Integration werden ökologische, soziale und Governance-Faktoren als Teil des Anlagerisikos und der Anlagechancen berücksichtigt. Impact Investing strebt neben der finanziellen Performance auch messbare positive Ergebnisse an.

Ein gut geführtes Family Office sollte zwischen diesen drei Aspekten unterscheiden. Werden sie miteinander verwechselt, führt dies zu einer schwachen Unternehmensführung und unrealistischen Erwartungen.

Die nächste Generation verändert den Auftrag

Der Generationswechsel ist einer der wichtigsten Treiber für nachhaltiges Investieren in Family Offices. Viele jüngere Erben wünschen sich mehr Transparenz darüber, wie das Kapital eingesetzt wird. Sie hinterfragen eher das Engagement in fossilen Brennstoffen, die Arbeitsbedingungen, die Rechenschaftspflicht der Unternehmensleitung und die sozialen Folgen von Investitionsentscheidungen.

Dies kann zu Spannungen führen. Gründer könnten Nachhaltigkeitsforderungen als emotional, politisch oder finanziell naiv betrachten. Jüngere Familienmitglieder könnten traditionelle Portfolios als veraltet oder unvereinbar mit den öffentlich vertretenen Werten der Familie ansehen.

Die besten Family Offices machen daraus keinen Kulturkampf. Sie betrachten es als eine Frage der Unternehmensführung.

Wozu dient Kapital nach Ansicht der Familie? Welche Branchen sind ausgeschlossen? Welche Risiken sind finanziell relevant? Wie sollte die Wirkung gemessen werden? In welchen Bereichen ist die Familie bereit, eine geringere Liquidität oder längere Amortisationszeiten in Kauf zu nehmen? In welchen Bereichen nicht?

Diese Fragen sind sinnvoller als allgemeine Bekenntnisse zum “Guten tun”.

Das Rockefeller-Signal

Die Entscheidung der Familie Rockefeller im Jahr 2014, sich aus fossilen Brennstoffen zurückzuziehen, wurde zu einem der sichtbarsten symbolischen Meilensteine im Bereich der Nachhaltigkeit bei Family Offices. Aufgrund der Geschichte der Familie war dies von großer Bedeutung. Ein auf Öl aufgebautes Vermögen wurde neu auf die Themen Klima und saubere Energie ausgerichtet.

Nur wenige Familien verfügen über ein derart öffentliches Vermächtnis. Doch viele stehen vor einer ähnlichen strategischen Frage: Was soll geschehen, wenn die Quelle des historischen Vermögens nicht mehr die Werte oder die Risikoeinstellung künftiger Generationen widerspiegelt?

Für manche lautet die Antwort „Desinvestition“. Für andere sind es Engagement, Transition Investing oder eine schrittweise Umschichtung. Die richtige Antwort hängt vom Vermögen, dem Mandat und dem Zeithorizont der Familie ab.

Symbolik kann sehr wirkungsvoll sein. Aber die Anlagepolitik muss mehr sein als nur Symbolik.

Durch die Regulierung wird es schwieriger, ESG zu ignorieren

Auch die Regulierung verändert die Landschaft. Insbesondere in Europa haben die Vorschriften zur Nachhaltigkeitsberichterstattung die Erwartungen an Vermögensverwalter, Banken und Berater erhöht. Selbst wenn Einzelfamilienbüros nicht wie öffentliche Fonds direkt reguliert werden, sind sie über die Institutionen, mit denen sie zusammenarbeiten, davon betroffen.

Dies erhöht den Druck auf eine bessere Dokumentation. Familien müssen zunehmend verstehen, woraus sich Fonds mit ESG-Kennzeichnung zusammensetzen, wie Nachhaltigkeitsaussagen gemessen werden und ob die Berichterstattung glaubwürdig ist.

Die Zeit der vagen ESG-Formulierungen neigt sich dem Ende zu. Anleger benötigen nun konkretere Antworten: Welche Daten werden herangezogen? Wie werden Ausschlüsse gehandhabt? Werden Emissionen gemessen oder geschätzt? Wie sieht die Engagement-Strategie aus? Wie werden Wirkungsaussagen überprüft?

Für ein Family Office gehören diese Fragen zur treuhänderischen Sorgfaltspflicht.

Private Märkte bieten Einflussmöglichkeiten

Einzel-Family-Offices sind auf den privaten Märkten oft im Vorteil. Sie können direkt investieren, gemeinsam mit vertrauenswürdigen Partnern investieren oder Manager in speziellen Bereichen wie Energiewende, Ernährungssysteme, Kreislaufwirtschaft, Innovationen im Gesundheitswesen oder bezahlbarer Wohnraum unterstützen.

Private Märkte können einen größeren Einfluss bieten als börsennotierte Aktien. Ein Familieninvestor hat möglicherweise engeren Kontakt zu Gründern, Vorständen und Führungsteams. Dies kann zu einer besseren Berichterstattung, einer stärkeren Unternehmensführung und klareren Wirkungszielen beitragen.

Das Risiko liegt in der Undurchsichtigkeit. Private Investitionen sind weniger liquide, die Bewertungen sind weniger transparent und die Wirkungsdaten können uneinheitlich sein. Die Due-Diligence-Prüfung muss daher strenger und nicht weniger streng sein.

Nachhaltiges Investieren auf dem privaten Markt ist kein schneller Weg zur Tugend. Es ist eine anspruchsvolle Form der Kapitalallokation.

Daten sind nach wie vor eine Schwachstelle

Eines der größten Hindernisse ist nach wie vor die Messung. ESG-Ratings sind uneinheitlich. Die Kennzahlen zur Wirkungsmessung variieren je nach Sektor. CO₂-Daten können unvollständig sein. Soziale Ergebnisse lassen sich nur schwer vergleichen. Auf den privaten Märkten hängt die Berichterstattung möglicherweise stark von der Disziplin der Fondsmanager ab.

Dies stellt Family Offices mit diversifizierten Portfolios vor ein Problem. Eine einzige Bilanz kann börsennotierte Aktien, Private Equity, Immobilien, Risikokapital, operative Gesellschaften, Barmittel, Kunst und philanthropische Aktivitäten umfassen. Die Messung der Nachhaltigkeit innerhalb einer solchen Struktur ist schwierig.

Technologie kann dabei helfen. Integrierte Berichtsplattformen, ESG-Datenanbieter und Analysetools können Familien einen klareren Überblick über ihre Risiken und Fortschritte verschaffen. Sie können zu einem besseren Dialog zwischen den Entscheidungsträgern, Beratern und der nächsten Generation beitragen.

Doch die Technologie kann nicht über die Werte der Familie entscheiden. Sie kann lediglich die Kompromisse deutlicher machen.

Was Family Offices tun sollten

Eine ernsthafte Strategie für nachhaltige Investitionen sollte mit einem Mandat beginnen.

Die Familie muss für sich selbst definieren, was Nachhaltigkeit in ihrem jeweiligen Kontext bedeutet. Liegt der Schwerpunkt auf Klimarisiken, sozialen Auswirkungen, der Qualität der Unternehmensführung, dem Ausschluss bestimmter Sektoren, der Abstimmung mit philanthropischen Zielen oder Investitionen in langfristige Transformationsthemen?

Sobald das Mandat klar ist, kann die Vermögensverwaltungsgesellschaft das aktuelle Portfolio aufschlüsseln. Dabei treten oft unangenehme Widersprüche zutage: Engagements in Sektoren, die die Familie angeblich meidet, Fonds mit mangelnder Transparenz oder Wirkungsanteile, die zu gering sind, um eine Rolle zu spielen.

Der nächste Schritt betrifft die Unternehmensführung. Nachhaltiges Investieren sollte in die Anlagepolitik, den Berichtsrahmen und den Prozess der Managerauswahl einbezogen werden. Es sollte nicht vom Engagement eines einzelnen Familienmitglieds oder Beraters abhängen.

Schließlich sollte die Familie sich über die damit verbundenen Kompromisse im Klaren sein. Manche nachhaltige Anlagen bieten möglicherweise marktübliche Renditen. Andere sind hingegen mit höheren Risiken, geringerer Liquidität oder einem längeren Zeithorizont verbunden. Klarheit beugt Enttäuschungen vor.

Jenseits des ESG-Labels

Die nächste Phase des nachhaltigen Investierens in Single-Family-Offices wird selektiver ausfallen. Allgemeine ESG-Kennzeichnungen verlieren zunehmend an Attraktivität. Familien wünschen sich zunehmend Strategien, die sie nachvollziehen können: Klimawandel, Energieeffizienz, Wasser, Biodiversität, Zugang zur Gesundheitsversorgung, Bildung, nachhaltige Ernährungssysteme oder Verbesserung der Unternehmensführung.

Dies ist ein gesünderer Markt. Er belohnt Konkretheit mehr als bloße Schlagworte.

Für Single-Family-Offices geht es beim nachhaltigen Investieren nicht nur um das öffentliche Image. Es geht darum, wie Vermögen verstanden, verwaltet und für die Übertragung vorbereitet wird. Das Portfolio wird Teil des familiären Erbes und ist nicht nur dessen finanzieller Motor.

Erfolgreich sein werden nicht jene Familien, die am lautesten mit Nachhaltigkeit werben. Es werden jene sein, die klare Vorgaben festlegen, die richtigen Fragen stellen, das Messbare messen und zugeben, was sie noch nicht messen können.

Im Bereich der privaten Vermögensverwaltung wird Nachhaltigkeit erst dann wirklich ernst genommen, wenn sie sich von einem Wunschdenken zu einer festen Anlagestrategie entwickelt.